FV-62 | Auswirkungen und Anreizeffekte der Einführung von Fallpauschalen zur Vergütung von Krankenhausbehandlungen am Beispiel der Schweiz

Prof. Dr. Beat Hintermann, Matthias Minke

Öffentliche Finanzen

 

Forschungsgegenstand
Wir analysieren die im Zuge einer Gesundheitsreform entstandenen Veränderungen der Anreizstruktur von Krankenhäusern und quantifizieren Ausmass und
Auswirkungen potentieller Fehlanreize von Fallpauschalen mit verweildauerspezifischen Ab- und Zuschlägen.

Forschungsfrage
Die Vergütung von Spitalbehandlungen in der Schweiz war bis 2012 kantonal
geregelt. Die Kantone wendeten bis dahin verschiedene Vergütungssysteme an, die jeweils unterschiedliche Anreize für Krankenhäuser implizierten. Die beiden Basel z.B. vergüteten ihre Krankenhäuser mittels Tagespauschalen. Da in einem solchen System die Vergütung mit zunehmender Aufenthaltsdauer ansteigt, bestehen (Fehl-)Anreize, Patienten länger als nötig im Spital zu belassen. 
Seit Einführung des SwissDRG Systems in 2012 werden Spitalbehandlungen schweizweit mit diagnosespezifischen Pauschalen vergütet. Die Vergütung der Behandlung eines Patienten innerhalb einer Diagnosekategorie ist somit
weitgehend unabhängig von der Liegedauer. Damit wird der Anreiz einer unnötig langen Liegezeit eingedämmt, was jedoch auch die Gefahr einer Anreizverschiebung zur frühzeitigen Entlassung birgt. Zur Minderung dieses Problems wurden untere und obere Grenzverweildauer implementiert, welche finanzielle Abschläge unterhalb, respektive Zuschläge oberhalb der jeweiligen Grenzen zur Folge haben.
Genau jene Grenzen, die eine Anreizproblematik zu Ungunsten der Patienten
verhindern sollen, bringen jedoch durch ihre nicht-lineare Struktur potentiell neue Fehlanreize mit sich: Patienten mit schnellem Heilungsprozess werden länger als nötig im Krankenhaus behalten, nämlich genau bis zur unteren Grenzverweildauer, ab der die volle Pauschale vergütet wird. Gleichzeitig ist es möglich, dass Patienten länger im Spital behalten werden, falls die erwartete Verweildauer in der Nähe der oberen Grenze zu liegen kommt.


Zielsetzung
Im ersten Schritt wird die Veränderung der Anreizstruktur theoretisch aufgearbeitet und demonstriert, welche Probleme die neue Reform potentiell mit sich bringt. Darauf aufbauend werden die effektiven Veränderungen in Liegedauer und Auswirkungen auf Gesundheit empirisch quantifiziert und evaluiert.

Bedeutung und Nutzen
Es besteht bereits eine breite Literatur zum Zusammenhang monetärer Anreize für Krankenhäuser und Aufenthaltsdauern. So wurden auch bereits entsprechende Studien für die Umstellung der Spitalfinanzierung im Schweizer Kontext durchgeführt (z.B. Felder (2014), Minke (2017)). Im Zentrum dieser Analysen steht aber vorwiegend die Veränderung der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer. Unsere Analyse ist komplementär zu verstehen, da wir auf die gesamte Verteilung der Verweildauern schauen und somit Verschiebungen sichtbar machen können, die bei einer Durchschnittsbetrachtung nicht sichtbar wären.