
Newsletter #9 | 16.03.2026
Studium und Erwerbstätigkeit gleichzeitig zu meistern, ist für viele Studierende längst Realität. Lana Kurth und Oliver Vosti erzählen, weshalb sie sich bewusst für diese Kombination entschieden haben. Sie sprechen über den Mehrwert von Berufserfahrung, aber auch über Grenzen und Überlastung. Das Interview zeigt, wo sich Studium und Praxis gegenseitig stärken – und wo es knirscht.

Lana Kurth studiert im zweiten Semester des Masters in Business and Technology und arbeitet bei der Roche Berufsbildung im Employer Branding.
Sie arbeiten beide neben dem Studium. Was hat Sie zu diesem Entscheid gebracht – und was gibt Ihnen die Arbeit zusätzlich?
Lana: Ich habe generell den Eindruck, dass Berufserfahrung aus Sicht der Unternehmen sehr wichtig ist. Ich habe ursprünglich eine Lehre mit Berufsmatura gemacht und anschliessend ein Jahr voll gearbeitet. Dann habe ich das Bachelorstudium – an der FHNW – in Vollzeit absolviert. Angenehm war das natürlich, aber es war nicht ganz leicht, anschliessend wieder eine interessante Stelle zu finden. Trotz meiner früheren Arbeitstätigkeit. Ich denke man hat nach dem Studium die besseren Berufsaussichten, wenn man parallel arbeitstätig war. Gleichzeitig gefällt mir das Arbeiten und auch meine Unabhängigkeit ist mir wichtig. Ich finde beides spannend, Studium und Arbeit. Dass ich heute bereits in einem Bereich tätig sein kann, in dem ich nach dem Studium auch arbeiten möchte macht es zusätzlich attraktiv. Es ist also teils freiwillig, teils auch eine Notwendigkeit.
Oliver: Bei mir war es eine Mischung aus Wunsch und Vernunft. Ich habe fast fünf Jahre zu hundert Prozent studiert, ohne einen kontinuierlichen oder anspruchsvollen Nebenjob. Nach meinem ersten Abschluss hatte ich dann Mühe, eine Stelle zu finden – selbst Praktika waren schwierig. Das war ein Wendepunkt. Heute erlebe ich die Kombination aus Studium und Arbeit als besondere Chance. Als Werkstudent hat man Zugang zu Teilzeitstellen, die es später kaum mehr gibt, da Unternehmen nach dem Abschluss meist ein 100-Prozent-Pensum erwarten.
Wenn man Studium und Arbeit kombiniert, stellt sich die Frage nach dem Mehrwert: Ergänzen sich diese beiden Welten für Sie tatsächlich?
Lana: Für mich sehr stark. Ich kann sehr viele Inhalte und Themen, die ich in meinem Bachelor gelernt habe, direkt im Job einsetzen. Dieses Wissen nutze ich bis heute. Beim Master ist der Stoff etwas abstrakter geworden, auch durch den Wechsel an die Universität. Aber gerade bei den Marketingvorlesungen erwarte ich, dass ich wieder vieles direkt in der Praxis anwenden kann. Gleichzeitig beurteile ich durch meine Arbeitstätigkeit gewisse Ausbildungselemente auch anders, als es Kolleginnen und Kollegen tun, die Vollzeit studieren. Ich sehe vielleicht schneller, wie ich das Gelernte einsetzen und nutzen kann.
Oliver: Bei mir ist die fachliche Überschneidung geringer als bei Lana, weil meine früheren temporären Jobs im Einzelhandel relativ weit vom Studium entfernt waren. Umgekehrt habe ich dort aber viele Soft Skills gelernt – Disziplin, Organisation, den Umgang mit Verantwortung. Diese Kompetenzen helfen mir heute im Studium sehr.

Oliver Vosti studiert im zweiten Semester des Masters in Business and Technology und arbeitet als freiberuflicher Redakteur.
Viele positive Aspekte also, aber natürlich ist Arbeit und Studium auch eine Doppelbelastung. Wo stossen Sie dabei konkret an Grenzen?
Lana: Am schwierigsten ist für mich klar die Prüfungsphase. Während des Semesters lassen sich Studium und Arbeit gut vereinbaren. Beim Lernen brauche ich aber Pausen – und Arbeit ist dann keine Erholung. Ich muss Ferien nehmen, die mir später fehlen. Kontinuierlich zu lernen wäre natürlich ideal, aber typischerweise schaffe ich das nicht. Ich studiere zu 100 Prozent, arbeite zu 50 Prozent, bin noch in einem Verein aktiv und engagiere mich zusätzlich. Irgendwann fehlen Zeit und Energie.
Oliver: Das geht mir ähnlich. Während meines Vollzeitstudiums habe ich kontinuierlich während des Semesters gelernt, aber nun wo ich parallel arbeitstätig bin, ist das schwierig. Abgesehen von der Prüfungszeit die schwierig ist, finde ich auch die Koordination von Studium und Arbeit sehr anspruchsvoll. Vor allem, wenn sich die Vorlesungen über alle Wochentage verteilen. Man versucht, überall präsent zu sein, aber das ist nicht trivial. Teilweise bleibt nichts anderes übrig, als Veranstaltungen zu belegen, ohne sie physisch besuchen zu können. Das ist pragmatisch, aber nicht ideal.
Aus diesen Erfahrungen heraus: Was würde Ihnen von Seiten der Universität konkret helfen, Studium und Arbeit besser zu verbinden?
Lana: Eine stärkere Bündelung der Vorlesungen auf bestimmte Tage würde enorm helfen. Mir ist klar, dass dies organisatorisch schwierig ist, vor allem wenn man bedenkt, wie viele Fächer angeboten werden. Aber bereits zum Beispiel die Bündelung der «Fundamentals» im Master wäre toll. Lange Pausen zwischen einzelnen Veranstaltungen sind für Arbeitende schwierig. In diesen Zeitfenstern zu arbeiten ist kompliziert, weil es oft an ruhigen Räumen für Meetings fehlt. Deshalb habe ich dieses Semester bewusst Module gewählt, die sich auf drei Tage konzentrieren – andere habe ich schweren Herzens weggelassen.
Oliver: Eine stärkere Bündelung wäre wirklich hilfreich. Zusätzlich fände ich Praxissemester oder Praktika als Ersatz für einzelne Module sehr sinnvoll. Auch Projekte mit Unternehmen oder firmennahe Forschungsarbeiten könnten den Berufseinstieg sehr erleichtern.
Lana: Firmenbesuche sind sehr interessant. Aber für Firmen beispielsweise echte Forschungsprojekte machen zu können, das wäre äusserst attraktiv.
Wie stellen Sie sich zu digitalen Angeboten? Mehr Vorlesungen, die digital stattfinden?
Lana: Ich bin hier wahrscheinlich eher die Ausnahme, weil ich mag es im Klassenraum zu sitzen. Wenn ich remote nur zuhören muss, verliere ich irgendwann die Konzentration. Deswegen mag ich es lieber, im Unterricht zu sein.
Oliver: Ich bin auch kein so grosser Fan. Ein Video, das man schauen kann, wann immer man will, hat natürlich gewisse Vorteile. Aber man verliert all das, was einem die Uni an Soft Skills und Vernetzung mitgeben kann. Und noch ein Punkt, für uns als Studierende ist es auch wichtig, dass die Universität ihre hohe Qualität beibehält. Das ist mit digitalen Angeboten natürlich ebenfalls möglich, aber ausschliesslich digital, fände ich persönlich schwierig.
Zum Schluss: Welche Tipps geben Sie anderen Studierenden, die Studium und Arbeit unter einen Hut bringen möchten?
Lana: Ein flexibler Arbeitgeber ist zentral. Wenn fixe Tage und Zeiten bei der Arbeit unverrückbar sind, wird es schnell sehr schwierig. Ebenso wichtig ist eine gute Planung. Ich persönlich plane für jedes Semester ganz genau, was ich belegen will, und behalte dabei auch die Projekte, die von Seiten des Jobs kommen werden, im Auge. Und der Ausgleich darf nicht vergessen gehen – auch für Studierende, die nicht arbeiten.
Oliver: Man sollte sich bewusst für ein Studium entscheiden und wissen, wofür man es macht. Heute reicht ein Abschluss allein oft nicht mehr, um sich vom Durchschnitt abzuheben. Berufserfahrung ist oft entscheidend. Gleichzeitig muss man überlegen, worauf man verzichten will und wie man trotzdem eine Balance findet. Und man darf nicht vergessen: Arbeit kann auch Spass machen. Sie ist nicht nur Verzicht auf Freizeit, sondern bringt Abwechslung, Motivation und wertvolle Einblicke.
Lana: Genau. Neben dem Studium zu arbeiten, lohnt sich nicht nur finanziell, sondern auch persönlich. Es bringt Praxisnähe, Abwechslung und eine gewisse Lockerheit in den Studienalltag.
Interview und Text: Dr. Brigitte Guggisberg
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