FV-106 | Ein neues Mass für Fachkräftemangel in der Schweiz

Prof. Dr. Conny Wunsch, Prof. em. Dr. George Sheldon,Dr. Rahel Felder

Arbeitsmarktökonomie

Forschungsgegenstand
Die Analyse der Entwicklung von Knappheitsverhältnissen auf beruflichen Arbeitsmärkten in der
Schweiz im Zeitraum 2001-2022.

Problemstellung
Eine Reihe von Knappheitsindikatoren unter anderem im Zusammenhang mit der Stellenmeldepflicht
(STMP) geben derzeit einige Rätsel hierzulande auf: In Berufen, in denen nach Massgabe
der Indikatoren ein Überangebot an Stellensuchenden vorliegen soll (z.B. Gastgewerbe), besteht
nach Auskunft von Stellenanbietern in Wirklichkeit Arbeitskräfteknappheit. Der Widerspruch
rührt unseres Erachtens vor allem daher, dass die Indikatoren auf Bestandsgrössen (Arbeitslose,
Vakanzen) abstellen. Diese sind zum einen stark vergangenheitsorientiert und lassen zum anderen
den Schluss nicht zu, dass tatsächlich eine Knappheit besteht. Ein hoher Bestand an Arbeitslosen
respektive Vakanzen kann zwar auf einer langen Suche nach Stellen bzw. Arbeitskräften (Dauer)
beruhen, was auf Stellen- bzw. Arbeitskräfteknappheit hinweist. Gleichzeitig kann er lediglich das
Resultat eines hohen Bestandsumschlags (Inzidenz) ohne Knappheitsbezug sein.
Evidenz für die Richtigkeit unserer These findet man bei der STMP. Bekanntlich soll diese die
Arbeitsvermittlung fördern und macht zu diesem Zweck die Meldepflicht von der Höhe der
Arbeitslosigkeit abhängig. Damit wird unterstellt, dass Arbeitslose, die eine Stelle in einem Beruf
mit hoher Arbeitslosigkeit suchen, verstärkt Vermittlungsprobleme haben. Eine frühere Studie1
der Antragsteller zeigt jedoch, dass dies in Wirklichkeit nicht zutrifft. Stellensuchenden in
meldepflichtigen Berufen finden sogar etwas schneller eine Stelle als Arbeitslose, die keine Stelle
in einem meldepflichtigen Beruf suchen, was die bisherige Wirkungslosigkeit der STMP erklären
könnte.

Zielsetzung
Unser Vorhaben zielt darauf ab, ein neuartiges System zur laufenden Messung der
Knappheitsverhältnisse auf beruflichen Arbeitsmärkten in der Schweiz auf Basis der Dauer der
Suche von Arbeitslosen und Firmen nach Stellen bzw. Arbeitskräften zu erstellen und statistischökonometrisch
auszuwerten.

Bedeutung und Nutzen
Unsere neuartigen auf Verlaufszeiten fussenden Knappheitsindikatoren bieten eine Reihe von
Vorteilen gegenüber herkömmlichen auf Bestandsgrössen beruhenden Indikatoren:

- Sie bieten fundierte, verlässlichere und zeitnähere Auskunft über die tatsächlichen
Knappheitsverhältnisse auf beruflichen Arbeitsmärkten.

- Im Unterschied zu den bisherigen bestandsbezogenen Knappheitsindikatoren setzt ihre
Aussagekraft nicht voraus, dass der Grad der Erfassung bei Stellensuchenden und Vakanzen
einheitlich ist. Zudem erfordert der Ansatz keine Vollerhebung der offenen Stellen, sofern
die erfassten Laufzeiten repräsentativ sind.

- Da sich unser Ansatz in erster Linie auf monatlichen Angaben aus dem computerbasierten
Informationssystem für die Arbeitsvermittlung und die Arbeitsmarktstatistik (AVAM)
des Seco abstützt, das die Grundlage der amtlichen Arbeitsmarktstatistik bildet, bietet er
die Möglichkeit, die Entwicklung der Knappheitsverhältnisse auf den beruflichen
Arbeitsmärkten in Zukunft laufend zu verfolgen, woraus die Arbeitsvermittlung der
staatlichen Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) grossen praktischen Nutzen
ziehen dürfte.