FV-78 | Arzneimittelknappheit: Konsequenzen für Qualität und Kosten der Behandlung

Fig1

Drug Shortages and duration by month (2016-2019)

Prof. S. Felder, C. Plaza 

Health Economics

Forschungsgegenstand
Arzneimittelknappheit ist ein wachsendes Problem in vielen Gesundheitssystemen mit potentiell negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der davon betroffenen Patienten. Es gibt bisher keine systematische Forschung darüber, wie Ärzte ihr Verschreibungsverhalten bei Arzneimittelmangel anpassen und welche Auswirkungen dies auf die Kosten und Qualität der Behandlungen hat. Wir nutzen das Auftreten von Arzneimittelknappheit als ein natürliches Experiment, um das Anpassungsverhalten von Ärzten zu untersuchen. 

Forschungsfrage
In den letzten Jahren hat sich das Auftreten von Arzneimittelknappheit in vielen Ländern gehäuft. In der Schweiz kam es zwischen Januar 2016 und Juni 2019 bei 84 verschiedenen Wirkstoffen zu einer Nichtverfügbarkeit. Als Gründe hierfür werden Unterbrüche und Kapazitätsengpässe in der Produktion und verspätete Auslieferungen genannt. Aber auch ein unerwarteter Nachfrageanstieg sowie regulatorische Eingriffe und die Höhe der Vergütung haben Einfluss auf das Auftreten einer Knappheit. Knappheit kommt vornehmlich auf Generikamärkten vor, wenn Hersteller einen möglichst niedrigen Preis und minimale Qualität anbieten. Eine Nichtverfügbarkeit von Arzneimitteln kann zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Knappheit wurde anfangs vorwiegend bei injizierbaren Arzneimitteln beobachtet, die bei Krebsbehandlungen eingesetzt werden. Es sind aber auch Blockbuster-Arzneimittel betroffen, die bei chronischen Erkrankungen zur Anwendung kommen. 

Für die USA zeigen Untersuchungen, dass Arzneimittelknappheit zu Unverträglichkeit bis hin zu höherer Mortalität, aber auch zu einer höheren Kostenbeteiligung der Patienten führt. (Phuong et al., 2019). Allerdings sind die bisher vorliegenden Studien auf die USA beschränkt, weitgehend explorativ und methodisch noch wenig ausgereift. 

Zielsetzung / Bedeutung und Nutzen
Das Projekt untersucht für die Schweiz die Auswirkungen von Arzneimittel-knappheit auf das Verschreibungsverhalten von Ärzten und dessen Wirkung auf die Qualität und die Kosten der Behandlung in den Jahren 2016 bis 2019. Möglich wird dies durch eine Kombination zweier Datensätze: Information über das Auftreten und die Dauer der Nichtverfügbarkeit von bestimmten Wirkstoffen einerseits und Praxisdaten von Schweizer Ärzten andererseits. 

Knappheit in einzelnen Bereichen der Arzneimittelversorgung tritt seit einigen Jahren häufiger auf. Weder herrscht Klarheit über deren Gründe, noch sind bisher die Konsequenzen auf der Ebene der ambulanten Leistungserbringung für die Schweiz untersucht worden. Wir erhalten für das Projekt Zugang zu den Abrechnungsdaten aller ärztlichen Praxen in der Schweiz und können insbesondere die Medikamentenverschreibungen nach Wirkstoffen und Mengen auf Praxisebene beobachten.