FV-96 | Klimapolitik und Verteilung: Welche kurz- und langfristigen Verteilungswirkungen haben CO2-Preise?

Prof. Dr. Frank Krysiak & Joëlle Velvart

Umweltökonomie 

Forschungsgegenstand
Die Abstimmung über das CO2-Gesetz im Juni 2021 hat gezeigt, dass Verteilungseffekte ein zentraler
Aspekt der Klimapolitik sind. Bislang werden diese aber ohne belastbare wissenschaftliche
Basis diskutiert. Die wenigen existierenden Studien berücksichtigen die durch Klimapolitik
bezweckten Verhaltensanpassungen nur teilweise. In diesem Projekt möchten wir die direkten
Verteilungswirkungen von klimapolitischen Preisinstrumenten auf Schweizer Haushalte
untersuchen. Hierzu verfügen wir über einen Datensatz (Swiss Household Energy Demand
Survey), der es ermöglicht Änderungen im Nutzungs- und im Investitionsverhalten getrennt zu
berücksichtigen und damit kurz- und langfristige Wirkungen zu unterscheiden. Zudem können
nicht nur die Verteilungswirkungen bzgl. Einkommensgruppen untersucht werden, sondern auch
in Relation zu anderen Charakteristiken, zum Beispiel ob Klimapolitik eher die Bevölkerung im
urbanen oder ländlichen Raum belastet, ob Hauseigentümer oder Mieter, Familien oder Singles,
junge oder ältere Haushalte stärker betroffen sind.

Problemstellung
CO2-Preise (wie die CO2-Abgabe in der Schweiz) stellen eines der wichtigsten klimapolitischen
Instrumente dar, sind aber aufgrund möglicher Verteilungswirkungen politisch umstritten. Der
Einkommensanteil, den Haushalte für Energie ausgeben, nimmt mit dem Einkommen ab, während
die Möglichkeiten in energie-effiziente Technologien und Geräte zu investieren mit dem Einkommen
zunimmt. Daher wird CO2-Preisen oft eine Verteilungswirkung zulasten einkommensschwacher
Haushalte und Familien unterstellt (z.B. in den Kampagnen zur Abstimmung über das revidierte
CO2-Gesetz). Allerdings wird ein Teil des Steueraufkommens rückerstattet und einige besonders
CO2-intensive Aktivitäten (z.B. Flugreisen) werden häufiger von einkommensstarken Haushalten
unternommen. Zudem dürfte sich die Wirkung aufgrund von Pendeldistanzen zwischen der
Bevölkerung im urbanen und ländlichen Raum unterscheiden und Hauseigentümer haben mehr
Investitionsoptionen als Mieter.
Eine wissenschaftlich belastbare Abschätzung der Verteilungswirkung von CO2-Preisen muss daher
zahlreiche Aspekte berücksichtigen und ist nur auf der Basis detaillierter Mikrodaten zu Verhalten
und Haushaltscharakteristiken möglich.

Zielsetzung
Gegeben die stark kontroverse Diskussion um CO2-Preise, ist eine sachliche Diskussionsgrundlage
bedeutsam. Mit dem Projekt möchten wir eine solche Informationsgrundlage schaffen, dabei
aber von einer Bewertung der Verteilungswirkungen absehen. Zum einen möchten wir
Verteilungswirkungen verschiedener Varianten von Klimapolitik analysieren (CO2-Abgabe mit
Rückverteilung, Subventionen für klimafreundliche Technologien) und dabei zwischen kurzund
langfristigen Wirkungen differenzieren. Zum anderen möchten wir Verteilungswirkungen
entlang verschiedener Dimensionen aufzeigen (Einkommen, Stadt-Land, Eigentümer-Mieter, polit.
Präferenzen, Haushaltsgrösse).

Bedeutung und Nutzen
Das Projekt hat wirtschaftspolitische Bedeutung für die Schweiz und die Region Basel. Das Ziel, bis
2050 CO2-neutral zu sein, ist ohne Verhaltensänderungen/Investitionen im Haushaltsbereich nicht
erreichbar. CO2-Preise können entsprechende Anreize in effizienter Weise setzen (auf Bundesebene
aber auch auf kantonaler Ebene, die Region Basel sieht sich als Vorreiter im Klimaschutz), für die
Gestaltung werden aber Informationen über die Verteilungswirkung benötigt.
Der Mehrwert dieses Projekts ist erstens, dass wir Verteilungswirkungen nicht nur kurz- sondern
auch langfristig untersuchen und dabei den Trade-off zwischen Nutzungs- und Investitionsverhalten
bezüglich CO2-Emissionen besser erfassen können als Studien, die mit Haushaltsbudgetdaten
arbeiten (z.B. Farrell, 2017). Zweitens analysieren wir für verschiedene Szenarien, welche Haushalte
wie stark von CO2-Preisen betroffen sind, wobei wir eine Unterscheidung nicht nur nach Einkommen,
sondern auch nach weiteren Haushaltscharakteristiken vornehmen.