FV-42 | Wie löst man eine Währungsunion auf?

Prof. Dr. Rolf Weder, Lukas Hohl

Aussenwirtschaft und Europäische Integration

 

 

 

Ziele des Projektes:
Das Projekt analysiert, wie eine Währungsunion - konkret die Europäische Währungsunion (EWU) – aufgelöst werden könnte. Dabei werden sowohl theoretische Grundlagen als auch wirtschaftshistorische Erfahrungen genutzt. Mit dem Projekt wollen wir einen Beitrag leisten, um die eindimensionale, nur auf die Erhaltung der EWU zielende Diskussion zu versachlichen. Dies ist auch aus Schweizer Sicht wichtig. Die Thematik des Projektes ist so aktuell wie noch nie. Während der Debatte rund um den drohenden Staatsbankrott Griechenlands im Frühjahr/Sommer 2015 wurde ein „Grexit“ um Haaresbreite abgewendet. Es ist davon auszugehen, dass die von der EWU getroffenen Massnahmen lediglich zur Symptombehandlung eines wesentlich tiefer sitzenden Problems dienen und dass die anhaltenden Schwierigkeiten der Währungsunion in den nächsten Jahren kaum abreissen werden. Gerade auch dadurch ist die Beantwortung unserer Forschungsfrage so dringlich wie noch nie geworden.

 

Realisierte Schritte:
Um das Szenario des Ausscheidens eines Landes aus der Währungsunion theoretisch zu fundieren, wurde ein formales Modell erarbeitet. Mit Hilfe dieses Modells - welches Eigenschaften der Theorie der optimalen Währungsräume im Rahmen eines neukeynesianischen General-Equilibrium-Models widerspiegelt und auf Bayoumi (1994)[1] basiert  - kann gezeigt werden, unter welchen Bedingungen verschiedene Auflösungsszenarien erfolgen. Konkret: Je nach Präferenzen der heterogenen Länder kann es zu einer Konsenslösung (alle Länder verlassen gleichzeitig die Währungsunion) oder zu einer sequentiellen Auflösung mit dem Austritt eines, wirtschaftlich gesehen, „schwachen“ Landes kommen. Das Modell zeigt ausserdem, unter welchen Umständen ein Austritt eines „starken“ Landes aus dem gemeinsamen Währungsraum realisiert wird. In Ergänzung zum Modell wurde der Entwurf einer umfassenden Analyse der bestehenden Forschungsliteratur mit dem Querverweis auf historische Ereignisse verfasst.

 

Ergebnisse:
Im Modell wird erwartungsgemäss eine Währungsunion eher dann aufgelöst, wenn die Heterogenität der Mitglieder gross ist; diese wird durch den Unterschied zwischen dem „starken“ und dem „schwachen“ Land erfasst. Ausserdem spielen die Präferenzen nach den unterschiedlichen Gütern der Länder und damit die Handelsintensität sowie auch die Höhe der Transaktionskosten eine Rolle beim Entscheid, die Währungsunion zu verlassen oder Mitglied zu bleiben. Es wird gezeigt, dass sowohl fiskale Transferzahlungen als auch die Arbeitsmobilität dazu beitragen, den Zusammenhalt einer Währungsunion zu festigen, wobei unter gängigen Annahmen das „starke“ Land die Arbeitsmobilität und das „schwache“ Land fiskale Transfers präferiert. Im Modell wird ausserdem gezeigt, dass ein Land ausserhalb der Währungsunion strikt für deren Auflösung ist. Dies ist deshalb der Fall, weil es die Kosten zwar mittragen muss, nicht jedoch vom Nutzen der gemeinsamen Währung profitieren kann.            

Die Literaturanalyse ergab, dass sich Ökonomen beim technischen Ablauf eines Ausstiegs weitgehend einig sind. So soll der Entscheid auszusteigen beispielsweise im Geheimen erfolgen, die Banken des Austrittlandes müssen für einige Tage geschlossen bleiben und die neue Währung soll zur Parität eingeführt werden und danach dem Marktmechanismus unterliegen. Uneinigkeit herrscht hingegen bei grundlegenden Fragen, beispielsweise ob ein „schwaches“ oder „starkes“ Land ausscheiden soll oder wie nach einem Austritt mit Fremdkapital verfahren wird. Ausserdem ist sich die Literatur uneinig, was die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen eines Austritts betrifft.

 

Publikationen:
Zum Abschluss des Projekts sollen bis zum Frühjahr zwei Forschungspapiere fertiggestellt werden. Im Moment liegen diese als Entwürfe vor:

·         Lukas Hohl (2015). Sequential dissolution of a monetary union. Mimeo, Universität Basel

·         Lukas Hohl (2015). How to exit a currency union? – Literature review with historical cross references. Mimeo, Universität Basel

Im Zusammenhang mit Erkenntnissen aus dem Projekt wurden ausserdem diverse Zeitungsartikel realisiert und publiziert. Auch in anderen Medien wurde zum Forschungsthema Stellung genommen (sämtliche Artikel und Links sind auf unserer Homepage verfügbar):[2]

·         Lukas Hohl und Rolf Weder Gastkommentar in der NZZ „Europäische Währungsunion, Was niemand hören will“ (30.6.2015).

·         Rolf Weder im Interview für die Basler Zeitung zu „Das Ende des Euro ist ein Tabu“ (8.7.2015).

·         Rolf Weder im Interview für die Weltwoche zu „Zu stark auf die EU konzentriert“ (9.7.2015).

·         Rolf Weder im Interview für DRS 4 zu „Griechenland: Die EU hat ihre eigenen Leitlinien ignoriert" (14.7.2015).

·         Rolf Weder im Interview für die Sendung 10vor10 auf SRF1 zu „FOKUS: Die Grundsatzfrage. Eine Grundsatzdebatte über Grexit und Schuldenschnitt ist entbrannt“ (15.7.2015).

·         Rolf Weder im Interview für die Badische Zeitung zu „Es lohnt sich nicht, die Eurozone zu retten" (16.7.2015).

·         Rolf Weder im Interview für den Blick am Sonntag zu „Die Griechenlandkrise ist erst der Vorgeschmack" (19.7.2015).

 


[1] Bayoumi, T. (1994), “A formal model of optimum currency areas”, IMF Staff Papers, 537-554.

[2] https://wwz.unibas.ch/nc/professuren/medienecho/abteilung/aei/ sowie wwz.unibas.ch/aussenwirtschaft-und-europaeische-integration/forschung/publikationen/abteilung/aei/.