FV-45 | Konjunkturabhängigkeit von Mindestlohneffekten

Prof. Dr. Conny Wunsch, Lukas Eckert

Arbeitsmarktökonomie

 

Ziele des Projektes:
Das grundlegende Ziel des Projekts liegt darin herauszufinden, inwiefern die wirtschaftlichen Auswirkungen von Mindestlöhnen durch konjunkturspezifische Rahmenbedingungen beeinflusst werden.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Auswirkungen eines Mindestlohns auf die Beschäftigung. Da sowohl in der ökonomischen Theorie als auch innerhalb der empirischen Literatur die tatsächlichen Effekte von Mindestlöhnen aufgrund widersprüchlicher Vorhersagen und unterschiedlicher Schätzergebnisse noch immer weitgehend unklar sind, soll im Rahmen unseres Projekts eine mögliche Erklärung geboten werden, die die Vielfalt der unterschiedlichen empirischen Ergebnisse rechtfertigt.

Daran anknüpfend sollen Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, die darüber Aufschluss geben, unter welchen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Mindestlöhne nicht empfehlenswert sind bzw. ab welcher Höhe mit unerwünschten Effekten zu rechnen ist. Um negative Effekte von Mindestlöhnen besser vermeiden zu können, ist es notwendig die Wechselwirkungen mit konjunkturellen Beschäftigungsschwankungen besser zu verstehen.

Methodisch stellt diese Fragestellung eine besondere Herausforderung dar, da Beschäftigungseffekte, die durch eine Mindestlohnerhöhung induziert wurden, von konjunkturell bedingten Beschäftigungsveränderungen getrennt werden müssen. Als zielführender Ansatz hat sich dabei ein dreifaches Differenzenverfahren herausgestellt. Dabei wird die Beschäftigungsdynamik in verschiedenen konjunkturellen Zuständen und unter unterschiedlichen Mindestlohnregimen verglichen. Da beobachtete Unternehmen unterschiedlich stark von den einzelnen Effekten betroffen sind, können die jeweiligen Einflussgrössen separiert und ökonometrisch quantifiziert werden.

Konkret wenden wir diesen Ansatz im Rahmen des Neuseeländischen Arbeitsmarkts an, da dort innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums wiederholte Veränderungen in der Mindestlohnregelung unter jeweils unterschiedlichen ökonomischen Rahmenbedingungen stattgefunden haben.

 

Realisierte Schritte:
Um die Relevanz der geschilderten Thematik im Rahmen der aktuellen Literatur zum Thema Mindestlohn abschätzen und einordnen zu können, wurde zum Start des Projekts zunächst ein umfassender Überblick über den aktuellen Stand die Mindestlohnforschung geschaffen. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf Literatur gelegt, die Mindestlöhne im Kontext von Jugendlichen und/oder in Abhängigkeit ökonomischer Rahmenbedingungen analysiert haben, da diese einen verstärkten Bezug zu unserer Arbeit aufweisen.

Im zweiten Schritt wurde im Rahmen eines dreimonatigen Forschungsaufenthalts in Neuseeland die Eignung verschiedener Datensätze für die geplanten Analysen geprüft, es wurden erste deskriptive Analysen durchgeführt und verschiedene mögliche Vorgehensweisen für die empirischen Analysen getestet.

Im Anschluss daran wurde zum einen ein Konzept erstellt für die Generierung eines geeigneten Schätzdatensatzes auf Basis neuseeländischer individueller administrativer Steuerdaten. Zum anderen wurde ein detaillierter Plan für die durchzuführenden empirischen Analysen aufgestellt. Beides wurde dann im Rahmen eines weiteren dreimonatigen Forschungsaufenthalts in Neuseeland umgesetzt. Gegen Ende des Aufenthalts wurde der Zwischenstand des Projekts im Rahmen eines Forschungsseminars der neuseeländischen Forschungseinrichtung „Motu“ vorgestellt und gewonnenes Feedback im Zuge des weiteren Vorgehens eingearbeitet.

Neben weiteren Anpassungen bezüglich des empirischen Vorgehens, wurde zuletzt zudem ein modelltheoretisches Fundament entwickeln, das eine intuitive Erklärung der Schätzergebnisse, als Resultat einer unternehmensspezifischen Optimierung, bietet. Um die Plausibilität unserer Argumentation auf die Probe zu stellen, wurde der aktuellste Zwischenstand des Projekts im Rahmen des Economics Lunch präsentiert.

Durch das starke Erdbeben, das im Herbst letzten Jahres Neuseeland erschüttert hat, und den damit verbundenen Schäden an der Infrastruktur des Statistischen Bundesamts von Neuseeland wurde die Umsetzung unseres weiteren Vorgehens etwas verzögert, da wir bis Ende Jahr keinen Datenzugang hatten.

 

Ergebnisse:
Im Zuge einer ersten Mindestlohnreform, die innerhalb einer konjunkturell stabilen Periode durchgeführt wurde, zeichnet sich in keiner Branche ein negativer Einfluss auf die Beschäftigungsrate ab. Im Rahmen einer zweiten Mindestlohnreform, die wiederum zu Beginn einer Rezession umgesetzt wurde, sind deutlich negative Effekte zu beobachten. Besonders in jenen Branchen, in denen vor der Mindestlohnreform relativ tiefe Löhne ausbezahlt wurden, respektive in Unternehmen, in denen ein hoher Anteil des Personals von einem Mindestlohn betroffen ist, kann ein erhöhter Rückgang der Beschäftigung beobachtet werden.

Besonders bemerkenswert scheint zudem, dass die reduzierte Beschäftigungsrate der betroffenen Gruppe auch nach einer Besserung der ökonomischen Situation des Landes weitgehend stabil bleibt.

Für eine Reaktion der Angebotsseite, die in Anbetracht eines potenziell höheren Lohnniveaus stattfinden könnte, respektive für ein verändertes Suchverhalten der Erwerbslosen, lässt sich hingegen keine direkte Evidenz finden.

Eine Untersuchung der einzelnen Anpassungskanäle ergibt zudem, dass die Anpassung der Beschäftigungsrate vorwiegend über eine Veränderung im Einstellungsverhalten vonstattengeht und nicht, wie häufig angenommen, durch vermehrte Entlassungen. Besonders auffällig ist auch, dass sich die beobachtbaren adversen Effekte im Laufe der Zeit verstärken, was wiederum ein Indikator für Anpassungskosten darstellen könnte.  

 

Publikationen:
Im ersten Halbjahr 2017 soll ein fertiger Entwurf eines Diskussionspapiers entstehen.

 

Präsentationen und Konferenzen:
Erste Ergebnisse der Analyse wurden im Sommer 2016 im Rahmen eines Forschungsseminars der neuseeländischen Forschungseinrichtung „Motu“ vorgestellt. Im Dezember 2016 wurde eine aktuellere Version des Projekts im Rahmen des Economics Lunch der Fakultät präsentiert.