FV-50 | Auswirkungen von kürzer Grundschulzeit

Prof. Dr. Kurt Schmidheiny, Dr. Marcus Roller

Angewandte Ökonometrie

Ziele des Projektes:
Ziel des Projektes ist die Untersuchung der Auswirkungen einer verkürzten Grundschulzeit auf Schülerleistungen. Eine verkürzte Grundschulzeit geht vor allem mit einer früheren Aufteilung der Schüler in weiterführende Schulen einher. Diese werden folglich kürzer alle zusammen unterrichtet. Die Literatur ist sich uneinig, ob dies den Schülerleistungen eher zu- oder abträglich ist. Es soll daher eine Analyse durchgeführt werden, die es auch erlaubt Rückschlüsse zu ziehen, warum die bisherige Literatur zu gemischten Ergebnissen kommt.

Hierzu wird eine Reform in Niedersachsen ausgenutzt, die die gemeinsame Grundschulzeit der Schüler von 6 auf 4 Jahre reduziert hat. Aus der bisherigen Literatur ergeben sich Hinweise, dass der Effekt unterschiedlich für leistungsstarke und leistungsschwache Schüler sein kann. Deswegen wird eine neue Methode, Changes-in-Changes, angewandt, die es erlaubt heterogene Effekte zu schätzen. Die Leistungsstärke wird mit den Ergebnissen der PISA-Tests am Ende der neunten Klasse erhoben. Dieser Test erlaubt den Vergleich mit Bundesländern, in denen keine Reform durchgeführt wurde. Ausserdem sind die gemessenen Auswirkungen langfristiger Natur, da zwischen der 6. und 9. Klasse noch 3 getrennte Schuljahre liegen und die 9. Klasse das Ende der regulären Schulzeit für die Hauptschüler darstellt.

 

Realisierte Schritte:
Bereits vor Beginn des WWZ Forum Projektes wurde ein Antrag auf Zugang zu den individuellen PISA-Testdaten in Deutschland mit entsprechender Länderkennung beim Institut für Qualitätssicherung im Bildungswesen gestellt. Hierzu musste ein ausführliches Gesuch mit genauer Beschreibung des Forschungsprojektes erstellt werden. Der Zugang wurde im Juni 2016 von der Kultusminister Konferenz genehmigt. Die unerwartet lange Dauer des Datenantragsprozesses hat den geplanten Start der empirischen Analyse allerdings erheblich verzögert. Diese konnte erst im August 2016 nach Erhalt des physischen Zugangs zu den Daten begonnen werden und erfolgte bis Dezember 2016. Die empirische Analyse hat gezeigt, dass die von uns vorgeschlagene Methode des Changes-in-Changes Ansatzes essentiell ist, da eine reine Betrachtung der mittleren Effekte die Heterogenität vernachlässigen würde.

Nebst der empirischen Analyse konnte ein theoretisches Modell erarbeitet werden, das Aussagen über die Wirkungskanäle erlaubt und dessen Implikationen im empirischen Teil getestet werden konnten.

Im November und Dezember 2016 konnte aufgrund des Modells und der empirischen Ergebnisse eine erste Version des Forschungspapiers erstellt werden. Im Laufe des Jahres 2017 wurden die Analysen vertieft und verfeinert. Das Papier wird zur Zeit bei internationalen Fachzeitschriften eingereicht.

 

Ergebnisse:
Das aufgestellte Modell beruht auf zwei wesentlichen Wirkungskanälen: Einerseits beeinflusst die Anwesenheit von guten Schülern die Leistung der schlechteren Schüler positiv (Spillover-Effekte) und andererseits hängen die Leistungen aller Schüler davon ab, wie gut die Lehre auf sie zugeschnitten ist (Kongruenzeffekt). Wir können zeigen, dass dies impliziert, dass die Verkürzung der Grundschulzeit sich daher positiv auf die leistungsstarken Schüler auswirken sollte, während die Auswirkungen auf die leistungsschwachen Schüler von der relativen Grösse der beiden Effekte abhängt.

Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die Verkürzung der Grundschulzeit im Mittel keine Auswirkungen auf die Schülerleistungen hat. Die Leistungen der sehr guten Schüler reagieren wie vom Modell vorhergesagt positiv auf die Reform, während diejenigen der leistungsschwachen Schüler negativ reagieren. Die gegensätzlichen Effekte heben sich am Mittel genau auf. Die Ergebnisse bestätigen daher unsere anfängliche Vermutung, dass heterogene Effekte bestehen und folglich nicht auf Standardmethoden zurückgegriffen werden kann. Aus politischer Sicht besteht im Lichte der Ergebnisse daher ein Zielkonflikt zwischen den Leistungen guter und schlechter Schüler. Zudem konnte gezeigt werden, dass die Effekte sich nur scheinbar für gewisse Gruppen (z.B.: Mädchen und Jungen) unterscheiden, da die Unterschiede bereits mit dem ex-ante verschiedenen Leistungsniveau erklärt werden können.

 

Publikationen:
Eine vorläufige Version des Forschungspapieres ist in der Dissertation von Marcus Roller eingeflossen. 2017 wurde ein Diskussionspapier erstellt:

Roller, Marcus und Daniel Steinberg (2017):  Distributional Effects of Early School Stratification - Non-Parametric Evidence from Germany. CRED Research Paper No. 19.

 

Präsentationen und Konferenzen:
32nd Annual Congress of the European Economic Association, Lissabon

2017 SSES Annual Congress, Lausanne