

Prof. Dr. Rolf Weder
Newsletter #9 | 16.03.2026
Rolf Weder und Christian Rutzer, Sie beide stehen für das CIEB, eines der Forschungscenters an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel. Was ist das CIEB eigentlich?
Rolf Weder: Das CIEB fokussierte sich von Anfang an auf angewandte, praxisnahe Forschung, zu der den Forschenden an einer Universität leider sehr oft die Zeit fehlt. Dank der frühen Unterstützung der beiden Sponsoren Dr. Rudolf Maag und später Dr. Hans-Heiner Zaeslin konnte sich das CIEB aber erfolgreich genau in diesem Bereich positionieren. Wir betreiben anwendungsorientierte Forschung mit engem Bezug zur wissenschaftlichen Methodik, jedoch mit einem klaren Fokus auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Relevanz. Wir schaffen damit ein einzigartiges öffentliches Gut, zu dem unter anderem auch die Innoscape Talks beitragen. In diesem Format interviewen wir hochkarätige Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu Fragen rund um den Innovationsstandort Schweiz. Unter anderem konnten wir Dr. Severin Schwan begrüssen, der damals CEO von Roche war und heute Verwaltungsratspräsident ist. Ausserdem standen uns die beiden Nobelpreisträger Prof. Paul Romer und Prof. Philippe Aghion Rede und Antwort. Deren Insights sind auf unserer Homepage innoscape.ch für ein breites Publikum zugänglich und leicht verständlich. Wir nutzen diese Goldgrube selber gerne für Veranstaltungen.

Dr. Christian Rutzer
Und in welchen Themenbereichen wird geforscht?
Rolf Weder: Ursprünglich konzentrierten wir uns auf Fragen der Internationalisierung und auf den Standort Schweiz für international tätige Unternehmen. Doch unsere Analysen - unter anderem zur Frage der möglichen De-Industrialisierung der Schweiz – haben deutlich gemacht, dass genau diese Fragen untrennbar mit dem Thema Innovation verbunden sind. Heute steht daher am CIEB die Forschung zur Innovation im internationalen Kontext im Vordergrund. Wir sind überzeugt, dass man gerade in der Schweiz intensiv über die Determinanten der Innovation nachdenken muss. Der hohe Lebensstandard in der Schweiz basiert zu einem grossen Anteil auf Innovation, weshalb wir die Prozesse, welche die führende Position der Schweiz im globalen Wettbewerb überhaupt ermöglichen, besser verstehen müssen.
Diese Stossrichtung haben wir nun mit Beginn des Jahres 2026 auch «offiziell» im Namen verankert. Das Akronym CIEB bleibt bestehen, steht nun aber neu für Center for Innovation Economics Basel. Innovation im internationalen Standortwettbewerb bildet den klaren thematischen Kern unserer Arbeit. Die von uns vor einigen Jahren ins Leben gerufene Lecture Series mit renommierten Forschern und Forscherinnen heisst denn auch «On Innovation in the Global Economy».
Welche konkreten Forschungsthemen bearbeiten Sie?
Christian Rutzer: Ein zentraler Schwerpunkt ist disruptive Innovation. Wir untersuchen, ob und wie sich Disruption messen lässt. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil wir uns angesichts zahlreicher neuer Technologien in einer Phase des Übergangs befinden: Nach Jahrzehnten eher inkrementeller Innovationen treten nun vermehrt technologische Brüche auf. Der Wechsel vom Verbrennungs- zum Elektroantrieb ist ein klassisches Beispiel für eine solche Disruption.
Rolf Weder: Wir versuchen solche disruptiven Innovationen zu messen und ein Mass so zu aggregieren, dass wir auch Länder und Regionen vergleichen können. Wir möchten gewissermassen eine Landkarte erstellen: Wie stehen die einzelnen Länder oder auch die einzelnen Regionen da? Aktuell schliessen wir dazu ein Papier ab, das die USA, die Schweiz und weitere Länder bezüglich disruptiver Innovationen systematisch vergleicht. Der nächste Schritt wäre dann zu verstehen, weshalb diese Unterschiede bestehen.
Wie messen Sie dabei den Grad der Disruption von Innovationen?
Christian Rutzer: Wir arbeiten mit Patentdaten und Zitierungsnetzwerken. Ausgangspunkt ist der sogenannte CD-Index, der den Disruptionsgrad einer Innovation zwischen –1 und +1 quantifiziert. Ein Patent gilt als disruptiv, wenn es bestehende Technologien verdrängt, und als konsolidierend, wenn es diese weiterentwickelt.
Ein vielbeachtetes Papier von Park et al. (2023) in der Zeitschrift Nature kam auf der Basis des CD-Index zum Schluss, dass disruptive Innovationen weltweit langfristig abnehmen. Wir haben jedoch einen methodischen Fehler identifiziert, den Index korrigiert und kommen zu einem differenzierteren Ergebnis: Der Rückgang ist gering, und in einzelnen Branchen nimmt Disruption sogar zu. Dazu konnten wir Mitte 2024 ein Papier in der Zeitschrift Research Policy publizieren mit dem Titel «Is there a Secular Decline in Disruptive Patents? Correcting for Measurement Bias”.
Wie funktioniert diese Messung konkret?
Christian Rutzer: Patente sind in Zitierungsnetzwerke eingebettet. Je nachdem, ob neue Patente nur das Fokalpatent (ein zentrales Patent in einem Technologiebereich) oder auch dessen Vorgänger zitieren, lässt sich der Disruptionsgrad bestimmen. Diese Werte können auf Länder-, Branchen- oder Technologieebene aggregiert werden. Im von Rolf Weder erwähnten aktuellen Paper aggregieren wir die Daten und untersuchen die jeweiligen Anteile an disruptiven Patenten in der Schweiz, den USA und in anderen Ländern wie Deutschland.
Patentdaten sind besonders wertvoll, da sie robust sind und vielfältige Rückschlüsse erlauben – etwa auf Qualität, auf die Struktur und Richtung der Wissensflüsse und auf internationale Vernetzung. In den vergangenen Jahren haben wir hierzu eine sehr umfassende Datenbasis und auch das entsprechende Know-how aufgebaut. Uns interessiert also nicht nur, wie Innovation generell funktioniert, sondern auch, wo die einzelnen Länder konkret stehen – insbesondere die Schweiz.
Rolf Weder: Idealerweise möchten wir auch wirtschaftspolitische Empfehlungen aus unserer Erkenntnis herleiten können. Aufgrund unserer vergangenen Arbeiten und Investitionen kommen wir diesem Ziel näher.
Bräuchte man dazu nicht noch weitere Informationen? Sie haben vorhin zum Beispiel die Determinanten der Innovationstätigkeit angesprochen?
Rolf Weder: Das ist richtig. Genau damit beschäftigen wir uns in einem weiteren Forschungsprojekt, in dem wir konkret die Grundlagenforschung als eine der zentralen möglichen Determinanten von Innovation an einem Standort untersuchen. Patente stellen quasi den Output, wissenschaftliche Publikationen den Input dar. Dass es hier Zusammenhänge gibt, vermuten wir aus der ökonomischen Forschung schon lange. Das über den Technologiezyklus zu messen, ist aber eine Herausforderung, jedoch in Zeiten technologischer Umbrüche, wie wir sie aktuell erleben, sehr wichtig.
Christian Rutzer: Auf Basis von Daten aus rund 2000 Standorten weltweit analysieren wir 29 sogenannte Emerging Technologies, darunter AI, Gentechnik, Robotik oder biomedizinische Verfahren. Unsere Ergebnisse dazu, nun fokussiert auf die USA, wurden soeben zur Publikation in Research Policy angenommen. Der Titel: «Does Early Regional Scientific Leadership Translate into Lasting Patenting Advantage?” Wir finden eine starke und über die Zeit zunehmende Korrelation zwischen Grundlagenforschung und Innovation auf regionaler Ebene bei neuen Technologien. Regionen mit starker Grundlagenforschung in neuen Technologien sind langfristig auch besonders innovationsstark in diesen. Daraus schliessen wir, dass sich erfolgreiche Innovationsökosysteme kaum ohne exzellente Grundlagenforschung aufbauen lassen, auch wenn das politisch oft gewünscht wird.

Am Center for Innovation Economics Basel (CIEB, vormals Center for International Economics and Business) analysieren wir Innovationsprozesse in der globalen Wirtschaft mit besonderem Fokus auf die Schweiz.
Unser Anspruch ist es, eine fundierte Brücke zwischen wissenschaftlicher Grundlagenforschung und praxisrelevanten Fragestellungen für den Schweizer Innovationsstandort im internationalen Wettbewerb zu schlagen.
Ein aktuelles Beispiel unserer Forschung ist unsere jüngste Publikation in Research Policy, in der wir zentrale Dynamiken zwischen Grundlagenforschung und Innovation empirisch untersuchen. Einen vertieften Einblick in unsere Projekte, Daten und Analysen bietet Innoscape.ch
Rolf Weder: Wir sehen auch deutlich, dass Regionen (man denke an Basel) am erfolgreichsten sind, wenn sie auf bestehenden Stärken – etwa in den Life Sciences – aufbauen und diese gezielt mit neuen Feldern wie AI oder Gentechnik verbinden. Forschung wirkt besonders dann, wenn bereits industrielle Strukturen vorhanden sind. Wenn in einer Region hingegen keine Industriestruktur im entsprechenden Bereich existiert, dann bringt auch ein grosser Einsatz in Forschung nur wenig konkrete Resultate im Bereich der Innovation.
Dabei ist die Grundlagenforschung natürlich nur eine von vielen Innovationsdeterminanten. Weitere Faktoren wie Skills, Steuern, Rechtssicherheit oder Erreichbarkeit möchten wir künftig ebenfalls systematisch analysieren. Wir wollen dabei insbesondere die relative Bedeutung dieser Faktoren besser quantifizieren. Einige dieser Themen haben wir im Rahmen unserer Lecture Series bereits angesprochen.
Ein zweiter Forschungsstrang, der uns in Zukunft beschäftigen wird, ist die Frage nach alternativen Messmöglichkeiten von Innovation. Gerade im Dienstleistungs- und IT-Bereich sind Patente nämlich nur bedingt geeignet. Viele Entwicklungen, etwa bei Künstlicher Intelligenz, werden nicht patentiert. Innovationen im Finanz- und Versicherungsbereich, aber auch in der Maschinen- und der Pharmaindustrie finden statt, ohne dass sie über Patente erfasst werden, weil sie eben innovative Dienstleistungen beinhalten.
Christian Rutzer: Wir arbeiten daher bereits jetzt auch mit alternativen Messgrössen. Das sind zum Beispiel wissenschaftliche Publikationen, die sich wie Patente durch ihre methodische Robustheit, hohe Transparenz und globale Vergleichbarkeit auszeichnen. Diese Art von Publikation entsteht heutzutage auch nicht zwangsläufig an einer Universität. Ein sehr bekanntes Beispiel ist Googles Paper «Attention is all you need», das die Grundlage für unsere modernen Sprachmodelle und somit auch für ChatGPT und Co. bildet. Solche Publikationen zeigen, wo Innovationsführerschaft entsteht.
Neben den Publikationen erkunden wir aktiv weitere Datenquellen aus der Realwirtschaft. Unternehmensdaten bieten Möglichkeiten oder auch arbeitsmarktbezogene Daten wie Stelleninserate, die ja letztlich abbilden, in welchem Umfang bestimmte Skills auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Gerade letztere sind aber methodisch sehr anspruchsvoll, da sie weniger standardisiert sind. Für den internationalen Vergleich bleiben Patente und Publikationen vorerst die verlässlichsten und wissenschaftlich anerkannten Datenquellen.
Rolf Weder: Langfristig wird es jedoch notwendig sein, insbesondere für Dienstleistungen neue, komplementäre Innovationsindikatoren zu entwickeln. Die Lösung dafür ist keineswegs offensichtlich. Es ist ein längerfristiges Projekt – aber ein zentrales für den Standort Schweiz. Mit dem CIEB sind wir da auf gutem Weg. Dank unserer methodisch forschungs- und thematisch praxisnahen Arbeiten werden wir uns als Universität im öffentlichen Diskurs vermehrt aktiv mit konkreten Einsichten und Vorschlägen einbringen können.
Interview und Text: Dr. Brigitte Guggisberg
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