Prof. Dr. Michael Beckmann, Jona Sophie Beck
Personal und Organisation
Forschungsgegenstand
Immer mehr Unternehmen setzen auf kollektive Leistungslöhne. Frühere Forschung
von Michael Beckmann hat gezeigt, dass diese Entwicklung eng mit der Nutzung
digitaler Technologien zusammenhängt.
Doch warum fördern digitale Technologien den Einsatz kollektiver Leistungsanreize?
Das vorliegende Forschungsprojekt untersucht zwei mögliche Wirkmechanismen:
(1) Zum einen wird untersucht, ob die zunehmenden Interdependenzen und
Kooperationsanforderungen, die mit der Nutzung digitaler Technologien in
Unternehmen verbunden sind, den vermehrten Einsatz kollektiver Leistungslöhne
erklären können. (2) Zum anderen wird geprüft, ob dieser Effekt darauf hindeutet,
dass der technische Fortschritt gezielt Team- und Kooperationsfähigkeiten aufwertet.
Ähnlich wie beim Skill-Biased Technological Change (SBTC) – der hochqualifizierte
Arbeitskräfte bevorzugt – könnte es sein, dass digitale Technologien besonders
diejenigen begünstigen, die gut im Team arbeiten.
Ziel des Projekts ist es also herauszufinden, ob digitale Technologien nicht nur neue
Formen der Zusammenarbeit fördern, sondern auch den wirtschaftlichen Wert
von Teamarbeit steigern – und ob dies erklärt, warum Unternehmen vermehrt auf
kollektive Leistungslöhne setzen.
Problemstellung
Nach dem Kernergebnis eines früheren Forschungsprojekts an der Professur
für Personal und Organisation, welches vom Förderverein finanziert wurde (FV-
69, Auswirkungen der Digitalisierung auf die Verwendung von Leistungslöhnen
in Unternehmen), fördert die betriebliche Nutzung mobiler IKT den Einsatz
kollektiver Leistungslöhne, d. h. Löhne, die variable Prämien auf Basis des Gruppenoder
Unternehmenserfolgs beinhalten. Festgestellt wurden zudem Unterschiede
zwischen den Hierarchieebenen, weil der Effekt zwar für Nicht-Führungskräfte,
jedoch nicht für Führungskräfte nachweisbar war.
Dieser Befund wirft zunächst die Frage nach seiner Erklärung auf. Welcher
Mechanismus ist für den positiven Effekt mobiler IKT auf die Zahlung
kollektiver Leistungslöhne verantwortlich? Wir wissen bereits, dass der Routine-
Biased Technological Change die Tätigkeiten in Firmen derart verändert, dass
Routinetätigkeiten automatisiert und Nicht-Routinetätigkeiten verstärkt nachgefragt
werden. Zu diesen Nicht-Routinetätigkeiten zählen wir auch Arbeitsaufgaben, die
aufgrund von Interdependenzen im Produktions- oder Dienstleistungsprozess
eine Kooperation zwischen Organisationsmitgliedern erfordern. Das ist z. B. bei
teilautonomen Teams, bereichsübergreifender Gruppenarbeit, virtuellen Teams oder
interdependenten Arbeitsaufgaben, bei denen die ordnungsgemässe Erledigung der
eigenen Arbeitsaufgabe von der Aufgabenerfüllung anderer Organisationmitglieder
abhängt, der Fall. Wir vermuten nun, dass Firmen kollektive Leistungslöhne
einsetzen, weil der aktuelle digitale technische Fortschritt Arbeiten in Form von
Teamarbeit oder anderen Formen interdependenter Kollaboration am Arbeitsplatz,
auch weiterhin dem Produktionsfaktor Arbeit überlässt und sie nicht substituiert
oder automatisiert.
Wenn nun aber Firmen finanzielle Leistungsanreize setzen, um durch
eine Verschiebung der Arbeitsplatzanforderungen ihre Produktions- und
Dienstleistungsprozesse zu optimieren, dann müsste sich dieses Ziel auch in einer
veränderten Arbeitsnachfrage bemerkbar machen. Konkret sollte die Nachfrage
nach Arbeitskräften mit Team- und Kooperationskompetenzen relativ zur
Nachfrage nach Arbeitskräften, die weitgehend unabhängig von den Tätigkeiten
anderer Organisationsmitglieder arbeiten, zunehmen. In Anlehnung an bekannte
Arbeitsmarktphänomene, wie den Skill-Biased Technological Change (SBTC) oder
den Routine-Biased Technological Change (RBTC), nennen wir unser Szenario den
Team-Biased Technological Change (TBTC). Der Nachweis der Existenz eines TBTC
30 würde unser Verständnis im Hinblick auf aktuell und zukünftig nachgefragte
Fähigkeiten erheblich erweitern.
Zielsetzung
Unsere geplanten empirischen Untersuchungen sollen dazu beitragen, einen
möglichen TBTC zu identifizieren. Das wäre wissenschaftlich reizvoll, weil wir
damit einen Beitrag zur sehr prominent publizierten Literatur zum SBTC bzw. RBTC
leisten würden. Die uns zur Verfügung stehenden Daten und unsere empirische
Methodik haben das Potenzial, dieses Ziel zu verwirklichen.
Bedeutung, Nutzen und Neuigkeitsgehalt des beantragten Projekts
Die Methode, die Wohnortswechsler zu untersuchen, wurde von Finkelstein et
al. (2016) erstmals auf die USA verwendet und später von anderen Autoren dann
auch auf mehrere europäische Länder angewandt. Für die Schweiz gibt es zurzeit
keine vergleichbaren Untersuchungen. Nebst einer Analyse der Gesamtausgaben
planen wir auch eine Differenzierung in ambulante, akutstationäre und weitere
medizinische Leistungsbereiche. Die Untersuchung kann ausserdem auch
Aufschluss geben über die Bedeutung von organisatorischen Bedingungen der
Gesundheitsversorgung – und die Rolle der Kantone im Bereich der Kostensteuerung
im Gesundheitswesen.
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