FV-97 | Firmeninterner Handel und Wechselkurssensitivität der Preise

Prof. Dr. Sarah Lein & Dr. Andreas Freitag

Makroökonomie

Forschungsgegenstand
Multinationale Unternehmen spielen eine immer wichtigere Rolle im internationalen
Handel.1 Ein charakteristisches Merkmal von multinationalen Unternehmen ist, dass sie häufig
firmeninternen, grenzüberschreitenden Handel betreiben, beispielsweise zwischen einer Mutterund
einer Tochtergesellschaft desselben Unternehmens. So ist mit der Entstehung von globalen
Wertschöpfungsketten und internationalen Firmen auch die Bedeutung der firmeninternen
Handelsströme gestiegen (Lanz & Miroudot, 2011). Im Durchschnitt beträgt der Anteil dieses
firmeninternen Handels 30% der Gesamtexporte eines Landes. Dieser Anteil stieg seit 2000 in vielen
Industrieländern an.
Trotz dieser Bedeutung wurden die Unterschiede zwischen firmeninternem und –externem Handel
in der Wechselkurssensitivität ihrer Preissetzung (der sogenannte Exchange Rate Pass-through,
ERPT) kaum untersucht. Man könnte annehmen, dass unternehmensinterne Exportpreise (in
ausländischer Währung) weniger auf Fundamentaldaten wie den Wechselkurs reagieren. Die einzige
uns bekannte Studie aus den USA zeigt aber das Gegenteil, dass nämlich unternehmensinterne
Preise sogar sensitiver auf den Wechselkurs reagieren als Preise, die im Handel zwischen zwei
unterschiedlichen Unternehmen gesetzt werden (Neiman, 2010).
Aktuelle Daten zeigen, dass multinationale Unternehmen auch für die Schweiz einen zunehmenden
Anteil im Gesamthandel ausmachen. So ist zum Beispiel der Anteil «related parties» Handel in
den Schweizer Gesamtimporten (-exporten) mit den USA zwischen 2008 und 2019 von 11.1% (56.6%)
auf 26.3% (71.4%) gestiegen. Daher ist es wichtig, die Rolle dieser firmeninternen Dynamiken im
Gesamthandel besser zu verstehen.
Dieses Forschungsprojekt soll daher untersuchen, welche Rolle der zunehmende firmeninterne
Handel für den ERPT in der Schweiz spielt und ob die unternehmensinternen Preise allokativ
sind. Diese Untersuchung kann sowohl dazu beitragen, dass wir das oben beschriebene Phänomen
besser verstehen, als auch einen Beitrag für die akademische Literatur liefern, in der die Rolle
multinationaler Unternehmen untersucht wird.

Problemstellung
Empirische Untersuchungen zur oben genannten Fragestellung waren bisher jedoch kaum möglich,
da firmeninterner Handel selten als solcher erfasst wird.2 Aufgrund dieser fehlenden Erfassung
müssen alternative Wege gesucht werden, wie firmeninterner Handel identifiziert werden kann.3
Eine Möglichkeit ist der Vergleich von Firmennamen zwischen involvierten Parteien einer
Handelstransaktion, wie folgend beschrieben wird. Diese sind in Handelstransaktionsdatenbanken
in Europa, wie zum Beispiel der Datenbank der Oberzolldirektion, verfügbar. Diese Datenbank
enthält neben jeder einzelnen Transaktion (Importe und Exporte) auch den Namen des Importeurs
und des Exporteurs, wie auch die Mengen und Preise jeder Transaktion. Dies sind somit alle
Informationen, die benötigt werden, um die Wechselkurssensitivität von Preisen zu schätzen und
auch zu untersuchen, wie die Transaktionsmengen auf die Wechselkursschwankungen und Preise
reagieren.

Zielsetzung
Dieses Projekt verfolgt zwei Ziele. Einerseits wird ein neuartiger Ansatz entwickelt, damit
firmeninterner Handel in bestehenden Daten besser identifiziert werden kann. Dazu werden
wir die Ähnlichkeit des Namens zwischen Absender und Empfänger einer Handelstransaktion
aus Zollerfassungen an der Grenze berechnen und daraus firmeninterne Handelstransaktionen
beobachten können. Als fiktives Beispiel: dieser Ansatz würde einen Import von «The Swatch
Group (China) Ltd.» zur «The Swatch Group AG» aufgrund der Ähnlichkeit dieser beiden Namen als
firmeninternen Import erfassen.
Andererseits kann anhand dieser neuartigen Klassifikation von Handelstransaktionen
untersucht werden, ob die Sensitivität von Import- und Exportpreisen unterschiedlich ist
zwischen firmeninternen und –externen Transaktionen und ob zunehmender firmeninterner
Handel zu Veränderungen der Wechselkurssensitivität beiträgt. Ein wichtiger zusätzlicher
Untersuchungsgegenstand ist, ob die unternehmensinternen Preise allokativ sind. Dabei soll
untersucht werden, ob die unternehmensinternen Handelsmengen weniger auf Preisänderungen
reagieren als die unternehmensexternen Handelsmengen.4

Bedeutung und Nutzen
Die Entwicklung einer neuen Methode zur Identifikation von firmeninternen Handelstransaktionen
aus Zolldaten erlaubt ein besseres Verständnis der Handelsverflechtungen der Schweizer Firmen.
Ferner wird das Projekt Aufschluss über die Rolle von firmeninternen Handelstransaktionen in der
aggregierten Dynamik geben und aufzeigen, wie sich eine Zunahme von firmeninternem Handel
auf den aggregierten ERPT auswirkt. Neben dem Beitrag zur Forschung hat dieses Forschungsprojekt
zudem eine breitere Wirkung, indem sie (schweizerische) politische Entscheidungsträger
über die Auswirkungen von Wechselkursschwankungen auf Exportpreise und –mengen informiert
und mögliche Trends dieser Effekte aufzeigt.