

Thomas Zehrt hat in Göttingen Mathematik und Physik studiert und in Basel promoviert. Nach zweijähriger Post-Doc Zeit an der Universität Freiburg (Schweiz) hat er sich entschieden, in die Lehre zu gehen. An der Universität Luzern war er mehrere Jahre Dozent für Informatik, bevor er zurück nach Basel kam. Heute ist er als Universitätsdozent an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät für die Vermittlung von Statistik und Mathematik im Grundstudium verantwortlich und unterrichtet Advanced Mathematics auf Masterebene. 2025 hat ihm die Universität Basel den Teaching Excellence Award in der Kategorie «Solide Fundamente» verliehen.
Die meisten Studierenden kommen direkt aus dem Gymnasium. Was ihre Mathematikkenntnisse betrifft, sind vermutlich viele noch ein ganzes Stück von dem entfernt, was sie im Ökonomiestudium brauchen werden. Wie überwinden Sie diesen Gap?
Gute Frage. Als Mathematiker kenne ich natürlich den extremen Unterschied zwischen Schule und Mathematikstudium – da sagt man den Leuten: Alles, was ihr bisher gemacht habt, war «Rechnen». Jetzt beginnt die echte Mathematik.
In den Wirtschaftswissenschaften ist der Übergang glücklicherweise weniger drastisch. Von der Schulmathematik zur angewandten Mathematik, die wir hier brauchen, ist der Schritt überschaubar. Zudem wiederhole ich viele Themen aus der Schule und vertiefe sie dann.
Welche Themen behandeln Sie konkret?
Ich beginne im ersten Semester mit Statistik – beschreibende Statistik: Häufigkeitsverteilungen, Mittelwerte, Varianz, Korrelation, Regression. Die Studierenden erkennen rasch den Nutzen davon. Im zweiten Teil folgt Stochastik: Wahrscheinlichkeitstheorien, bedingte Wahrscheinlichkeiten, Schätzen und Testen. Auch das ist abstrakt, aber der Praxisbezug ist erkennbar.
Im zweiten Semester kommt dann Mathematik 1 mit Differential- und Integralrechnung – das ist deutlich anspruchsvoller. Ich persönlich schätze diese Themen sehr, doch mir ist bewusst, dass sie den Studierenden mehr Mühe bereiten als jene des ersten Semesters. Bei der Statistik ist der Alltagsbezug offensichtlich – kaum schlägt man eine Zeitung auf, begegnet man statistischen Aussagen. Alltagsbeispiele für Differenzialrechnung zu finden, ist schwieriger, aber nicht unmöglich. Dennoch lässt sich vermitteln, dass die meisten Wissenschaften – wie auch die Ökonomie – ohne Funktionen nicht auskommen. Funktionen sind schlicht das beste Modell, um Zusammenhänge qualitativ und quantitativ zu beschreiben, und das verstehen die Studierenden letztlich auch.
Heute helfen zudem Animationen und grafische Visualisierungen, einen anderen Zugang zur Mathematik zu schaffen. Man muss nicht mehr nur Gleichungen an der Tafel manipulieren. Für viele Studierende, die nicht von Natur aus mathematisch interessiert sind, ist dieser visuelle Einstieg eine echte Hilfe. Ich versuche auch, ein Problem von verschiedenen Richtungen zu beleuchten. Was für den einen eine perfekte Erklärung ist, kann für jemand anderen völlig unverständlich sein. Manche Leute können sehr gut mit Abstraktionen umgehen, anderen hilft ein Bild oder ein besonders merkwürdiges Beispiel, das man sich gut einprägen kann.
Aktuelle Lehrveranstaltungen im FS 26
Vorkurs Mathematik 2026 (Uni Basel)
Mathematik 1 (Uni Basel)
Wirtschaftsmathematik (FernUni Schweiz)
Lehrveranstaltungen im HS 25
Statistik (Uni Basel)
Mathematik 2 (Uni Basel)
Advanced Mathematics for economics (Uni Basel)
Lehrveranstaltungen im FS 25
Vorkurs Mathematik 2025 (Uni Basel)
Mathematik 1 (Uni Basel)
Wirtschaftsmathematik (FernUni Schweiz)
Wo beginnen Sie mit dem Stoff und welche Dinge setzen Sie bereits voraus?
Die Studierenden sind mathematisch relativ inhomogen – das muss man ehrlich sagen. In der Schweiz gibt es ja die Kompensationsregel, die es erlaubt, eine ungenügende Mathematiknote durch Noten anderer Fächer auszugleichen. So haben manche Studierende die Mathematik emotional längst abgehakt. Ich schätze, rund 20 Prozent stehen auf Kriegsfuss mit dem Fach.
Dennoch sind sie motiviert – hier bei uns gibt es keine Kompensationsmöglichkeit, sie müssen sich also mit dem Stoff auseinandersetzen. Und die meisten schaffen es, ihre Lücken zu füllen und gute Prüfungen zu schreiben, wenn sie es ernst genug nehmen.
Nehmen wir an, Sie haben haben etwas erklärt und trotzdem blicken Sie viele Studierende verständnislos an. Was machen Sie dann?
In der Corona-Pandemie bin ich zum überzeugten Filmemacher geworden. Damals habe ich begonnen, zu jedem mathematischen Thema Lehrfilme zu produzieren – und die sind bis heute Pflicht. Gerade weil die Gruppe so inhomogen ist, bietet ein Film klare Vorteile: Man kann ihn anhalten, zurückspulen, parallel ein Buch konsultieren oder einfach kurz den Kopf auslüften.
Was früher eine klassische Vorlesung war, nenne ich heute «Theorievertiefung». Drei Tage nach Freischaltung der Filme halte ich diese Vertiefungsveranstaltung – als Wiederholung, mit Fokusthemen, anderen Blickwinkeln und Raum für Fragen. Das setzt voraus, dass die Studierenden vorbereitet erscheinen. Bevor ich mit Filmen gearbeitet habe, kam es vor, dass nach zehn Minuten Vorlesung bereits rund zwanzig Prozent der Studierenden abgehängt waren. Das ist heute anders.
Der Wochenrhythmus ist klar strukturiert: Montags gehen die Filme online, mittwochs folgt die Theorievertiefung, danach werden Musterlösungen freigeschaltet, und es gibt eine Übungsstunde. Meine Präsenzzeiten sind dieselben wie früher, aber durch die Kombination der Methoden erreiche ich mehr Leute. Ich würde nicht mehr zum reinen Präsenzunterricht zurückwollen.
Was macht für Sie guten Unterricht aus?
Der persönliche Bezug zum Lehrenden ist relevanter, als ich als Mathematiker lange wahrhaben wollte. Ich dachte, allein das Thema zählt. Aber ich habe meine Meinung geändert: Für viele Studierende ist es wichtig, einen echten Bezug zur unterrichtenden Person zu haben.
Mathematik hat zudem ein Imageproblem – man liebt sie oder hasst sie. Ich versuche deshalb, meine Begeisterung zu vermitteln und zu erklären, warum ich dieses Fach so schätze. Immerhin unterrichte ich alternativlose Fakten von zeitloser Schönheit. Wenn die Studierenden spüren, dass ihr Dozent wirklich von seinem Fach überzeugt ist, ist das schon viel wert.
Was macht Ihnen am meisten Spass?
Die Mathematik selbst – und die Freude, sie zu vermitteln. Ich habe keine Assistenz und führe meine Übungen von Anfang an selbst durch. Es gibt keinen Filter zwischen mir und den Studierenden. Ich versuche, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und ihre Schwierigkeiten wirklich zu verstehen.
Wie vermitteln Sie den Studierenden den Nutzen der Mathematik für ihr Ökonomiestudium?
Damit habe ich mich vor allem in der Anfangsphase meiner Stelle intensiv auseinandergesetzt und ich denke eigentlich, dass jeder Studierende in der Schule gelernt hat, wie nützlich die Mathematik für das Verständnis unserer Welt sein kann. Jeder nutzt Computer, Handy und Onlinebanking und weiss, dass das Alles ohne Mathematik nicht funktionieren würde. Ich präsentiere auch Nobelpreisträger wie Leontief oder Markowitz, die für ihre ökonomische Arbeit ausgezeichnet wurden, aber auch sehr mathematisch gedacht haben. Anhand solcher Beispiele lässt sich rasch zeigen, wie viel Mathematik in guter Ökonomie steckt. Reale Probleme lassen sich mathematisch modellieren – und das ist ein grosser Vorteil, weil man dann mit der gesamten Methodik der Mathematik an ihrer Lösung arbeiten kann.
Wenn Sie eine Sache in den Köpfen der Studierenden hineinzaubern könnten, was wäre das?
Ich würde mir eine prinzipielle Neugierde wünschen und dass man es schafft, Freude beim Nachdenken und Knobeln zu finden. Ich fürchte, dass dies in einer Welt, in der künstliche Intelligenz in so vielen Belangen schlauer ist als wir Menschen, nicht mehr selbstverständlich ist. Und die Grundrechenfähigkeiten wären auch nicht schlecht. Und Prozentrechnung.
Hat das Unterrichten in Zusammenhang mit Ökonomie Ihren eigenen Blick auf die Mathematik verändert oder nicht?
Ich bin jetzt natürlich ausserhalb des Elfenbeinturms der reinen Mathematik und manchmal habe ich auch ein wenig Heimweh und wünsche mich zurück in diese perfekte Welt, wo jede Behauptung entweder richtig oder falsch ist. Nichts dazwischen oder ausserhalb. Und wo man das oft auch noch beweisen kann.
In den einzelnen konkreten Forschungsbereichen gibt es weltweit nur wenige Leute, die sich mit derselben Materie beschäftigen. Ich habe in der Mathematik beeindruckende, weise und interessante Leute angetroffen, was ich nicht missen möchte. Aber ich bin auch ganz froh, nun näher an der Realität zu arbeiten. Ich habe früher immer gesagt, mit reiner Mathematik richtet man zumindest keinen Schaden an. Aber es ist doch ganz gut, wenn man nicht nur versucht keinen Schaden anzurichten, sondern auch noch einen positiven Impact zu haben. Wer weiss, ob mir das gelingt.
Interview und Text: Dr. Brigitte Guggisberg
Quick Links
Social Media