FV-95 | Societal Burden of Covid-19 Restrictions: A Utilitarian Approach

Prof. Dr. Günther Fink & Prof. Dr. Stefan Felder

Swiss TPH & Health Economics

Forschungsgegenstand
Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens haben sich national und global als
wirksames Mittel zur Eindämmung der Covid-19 Infektionszahlen und Todesfälle erwiesen, müssen
aber durch massive private und öffentliche Ausgaben finanziert werden. Während in den meisten
Ländern Gross- und Kleinunternehmen durch staatliche Unterstützungen vor finanziellen Verlusten
geschützt sein sollten, werden private Einschränkungen wie Ausgangsverbote und private, nichtfinanzielle,
Zusatzbelastungen wie Kinderbetreuung in der Regel nicht kompensiert und in vielen
Kosten-Nutzenrechnungen schlichtweg ignoriert. Hauptziel des vorgeschlagenen Projektes ist die
Quantifizierung des privaten und gesellschaftlichen Nutzenverlusts durch staatliche Massnahmen
und Einschränkungen zur Eindämmung der Covid- 19 Pandemie.

Problemstellung
Die Wirksamkeit gesellschaftlicher Einschränkungen zur Bekämpfung der Covid-19 Pandemie ist
mittlerweile relativ unbestritten (Courtemanche, Garuccio et al. 2020, Flaxman, Mishra et al. 2020).
Trotz der massiven Kosten und ausserordentlich hoher neuer Staatsverschuldung beurteilen die
meisten bisher publizierten Studien die bisherigen Massnahmen positiv, da die staatlichen Kosten
pro geschütztem Leben innerhalb national vorgegebener Richtwerte liegen. Die meisten bislang
gemachten Kosten-Nutzen-Rechnungen lassen dabei aber die privaten nicht-finanziellen Kosten
von Massnahmen vollkommen ausser Acht und unterschätzen dadurch die gesellschaftlichen
Kosten von staatlichen Massnahmen wahrscheinlich deutlich. So hat sich mittlerweile klar gezeigt,
dass Schliessungen von Ausbildungseinrichtungen insbesondere bei sozial schwachen Kindern
und Jugendlichen zu sehr schlechten Lernerfolgen führen und dass Lockdown Massnahmen zur
Verschlechterung der mentalen Gesundheit beigetragen haben (Singh, Roy et al. 2020, Xiong,
Lipsitz et al. 2020, Engzell, Frey et al. 2021). In den meisten Ländern haben Covid-19 Massnahmen
die persönlichen Freiheiten und Möglichkeiten nahezu aller Altersgruppen massiv eingeschränkt,
zu einer deutlichen Reduktion in der Lebensqualität geführt (Groarke, Berry et al. 2020). In
der Gesundheitsökonomie wird ein Verlust an Lebensqualität im allgemeinen durch qualityadjusted
life years (QALYs) gemessen (Whitehead and Ali 2010, Xiong, Lipsitz et al. 2020). QALYs
quantifizieren, wie gross der Lebensqualitäts- und Nutzenverlust durch bestimmte Krankheiten
oder krankheitsbedingte Einschränkungen (wie etwa ein Leben im Rollstuhl) ist und machen
dadurch einen Kosten-Nutzenvergleich zwischen verschiedenen Therapien und Lebensumständen
möglich.

Zielsetzung
Hauptziel des vorgeschlagenen Projektes ist die Quantifizierung des Nutzenverlusts durch
Massnahmen zur Einschränkung der Covid-19 Pandemie. Da die Belastung durch einzelne
Massnahmen (wie etwas Schulschliessungen) sehr unterschiedlich verteilt ist, soll der Nutzenverlust
in separaten Gruppen nach Alter, Bildung und Geschlecht erhoben werden.

Bedeutung und Nutzen
Nachdem die Anzahl der neuen Covid-19 Fälle trotz Impfungen in den meisten Ländern immer noch
- beziehungsweise wieder - steigt, ist der potenzielle Nutzen dieser Studie hoch. Es geht dabei nicht
in erster Linie darum festzuhalten, dass die gesellschaftlichen Kosten staatlicher Restriktionen
sehr hoch sind (das ist mittlerweile sehr klar!), sondern vielmehr darum, zu verdeutlichen, welche
Massnahmen für welche Bevölkerungsgruppen sowie auch gesamtgesellschaftlich besonders
stark bzw. eher weniger belastend sind. Die politische Debatte der letzten Monate zeigt relativ
deutlich, dass bei der Abwägung neuer Massnahmen wirtschaftliche Aspekte (insbesondere bei
der Schliessung von Geschäften) sehr stark in das Kalkül einbezogen werden, während der private
Verlust an Lebensqualität durch Schliessung der Kitas, Schulen, Restaurants oder Sportbetriebe
nur am Rande betrachtet wird. Ziel dieser Arbeit ist es daher, den nationalen wie auch den
internationalen Diskurs breiter zu gestalten und insbesondere die Perspektive privater Haushalte
stärker einzubringen.
Bis dato sind ähnliche Analysen weder national noch global verfügbar, weshalb der Neuheitsgrad
hoch ist. Die Anwendung der QALY Methodologie ausserhalb von spezifischen Krankheiten ist
ebenfalls neu und sollte auch zu einem Diskurs zur Verwendbarkeit allgemeiner Nutzenfunktionen
in der Definition von Wohlfahrtsfunktionen beitragen.